Kann Lehm die Luftfeuchtigkeit regulieren?

Diese Aussage liest man häufig. Sie ist grundsätzlich nicht aus der Luft gegriffen – aber „regulieren“ klingt stärker, als die tatsächliche Wirkung ist.

Fachlich treffender ist der Begriff Feuchtepufferung.

Was bedeutet Feuchtepufferung?

Lehm ist hygroskopisch.

Das bedeutet: Steigt die Luftfeuchtigkeit, kann die Oberfläche Wasserdampf aufnehmen. Sinkt die Luftfeuchtigkeit wieder, kann gespeicherte Feuchtigkeit an die Raumluft abgegeben werden.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen diesen Effekt bei Lehmputzen und anderen ungebrannten Lehmbaustoffen deutlich.

Wie stark ist dieser Effekt?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten.

Die Feuchtepufferung hängt unter anderem ab von:

  • Zusammensetzung des Lehms,
  • Porenstruktur,
  • Körnung,
  • Schichtdicke,
  • Größe der freien Oberfläche,
  • Beschichtung der Oberfläche,
  • Temperatur und
  • Luftwechsel im Raum.

Deshalb wäre die Aussage „Lehm hält die Raumluft automatisch auf einer optimalen Luftfeuchtigkeit“ fachlich nicht korrekt.

Auch wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Werte unterschiedlicher Lehmbaustoffe deutlich voneinander abweichen können.

Warum spielt die Oberfläche eine Rolle?

Damit Wasserdampf aufgenommen und abgegeben werden kann, muss die Lehmoberfläche entsprechend offen bleiben.

Eine Beschichtung kann die Sorption und Wasserdampfdurchlässigkeit verändern. Untersuchungen an Lehmputzen zeigen, dass Art und Aufbau der Oberflächenbeschichtung einen messbaren Einfluss haben können.

Deshalb sollte auch eine nachträgliche Beschichtung zum vorhandenen Lehmaufbau passen.

Ersetzt Lehm das Lüften?

Nein.

Lehm kann kurzfristige Feuchteschwankungen puffern, ersetzt aber weder ausreichendes Lüften noch eine fachgerechte Lüftungsplanung.

Gerade bei dauerhaft hoher Luftfeuchtigkeit muss die Ursache geklärt und überschüssige Feuchtigkeit aus dem Gebäude abgeführt werden.

Was bedeutet das in der Praxis?

Wer Lehmputz oder Lehmfarbe verwendet, erhält eine Oberfläche, die mit der Luftfeuchtigkeit wechselwirken kann.

Das ist eine reale Materialeigenschaft.

Wie stark sich diese Eigenschaft auf einen konkreten Raum auswirkt, lässt sich jedoch nicht ohne Kenntnis des gesamten Wandaufbaus und der Raumnutzung vorhersagen.

Fazit

Die Aussage „Lehm kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben“ ist fachlich gut begründbar.

Die pauschale Behauptung, Lehm sorge automatisch für ein gesundes oder optimales Raumklima, würde dagegen zu weit gehen.

Gerade bei Lehm lohnt sich deshalb eine nüchterne Beschreibung seiner tatsächlichen Eigenschaften.